Auf seiner Webseite diskutiert Medizynicus den Sinn oder Unsinn von Patentschutz für Arzneimittel (AM) aus Anlass eines in Indien anstehenden Prozesses der Firma Novartis mit Verweis auf die Position der Organisation „Ärzte ohne Grenzen“. In seinem Vortrag weist Terence Kealey mit recht darauf hin, dass das Patentrecht aus Sicht der Gesellschaft nicht nur keinen Sinn macht, sondern sogar schädlich für die weitere Entwicklung ist. Patente auf Ideen blockieren den Fortschritt, so seine These, weil sie
- Patentinhaber verleiten sich gemütlich auf den Früchten ihrer Arbeit auszuruhen und
- Wettbewerbspartner davon abhalten weitere Ideen einzubringen.
Folgerichtig konnte Terence Kealey auch belegen, dass kein Wirtschaftszweig von einer Patentierung wirklich profitiert. Ausgenommen AM-Patente.
Warum sind Arzneimitteln (AM) anderes? Nun bei AM ist nicht die Entwicklung das wirkliche Problem, sondern die Zulassung. Die Zulassung aber ist eine Aufgabe des Staates. Dieser will seine Bürger schützen und deshalb qualitativ gute AM garantieren. Deshalb müssen AM sehr genau geprüft werden, bevor sie auf den Markt kommen. Doch den Löwenanteil dieser Prüfung zahlt nicht etwa der Staat sondern die Entwicklungs-Firma. Im Gegenzug gewährt der Staat dem AM-Vertreiber das Recht sich durch überhöhte AM Kosten das Geld von den Krankenkassen oder Versicherten wieder zurück zuholen. Allerdings gewährt der Staat dieses Recht nur dort, wo er die entsprechende Macht dazu hat. Nicht in den unabhängigen Entwicklungsländern.
Würden man die Kosten umstrukturieren also auch den Staat die Kosten für die Sicherheit seiner Bürger voll übernehmen lassen, so würde folgendes geschehen.
- Die AM würden deutlich billiger werden (und damit die Ausgaben des Gesundheitssystems dramatisch sinken).
- Die AM würden zu nahezu gleichen Preisen überall auf der Welt angeboten.
- Der Staat würde wahrscheinlich die Steuern erhöhen ;-(
- Die AM würden unabhängiger geprüft. (Die Zulassungsstudien der AM-Konzerne sind wiederholt als zu einseitig kritisiert worden.)
- Und zu guter Letzt würde deutlicher werden, dass die billigen Generica in den Entwicklungsländern eigentlich eine Art Entwicklungshilfe aller Bürger in den reichen Ländern ist. Das Entwicklungsland kann damit selbst auf die teure Qualitätsprüfung der AM verzichten.
Update (23.2.12): Und gerade werde ich bei einer Diskussion am Arbeitsplatz darauf hingewiesen, dass dies sogar die Korruption im Gesundheitswesen vermindern würde. Zwar könnte man einwenden, der Pharmaentwickler würde doch sofort die staatlichen Zulassungsstudien ‘sponsern’. Aber dafür benötigt er Geld, möglicherweise viel Geld, und dieses Geld muss durch den Verkauf wieder hereinkommen. Aber wie soll das geschehen, wenn sich auch gleich Generikageschäften auf den zugelassenen Wirkstoff stürzen und diesen Nachbauen können. Den einzigen Vorteil den die Entwicklerfirma genießt ist dann der Zeitvorsprung und den gilt es effektiv zu nutzen. Eine Korruption der Zulassungsämter macht dann nur noch wenig Sinn.
Ganz anders heute, wo das Zugeständnis utopischer AM-Preise sehr viel Geld im unkontrollierten Verwaltungsnirvana versickern lässt.
Update (24.2.12): Heute fällt mir zufällig am Kiosk eine Sonderausgabe des Stern in die Hände wo über AM-Testung in Indien berichtet wird. Dieser Link hier ist schon etwas älter geht aber in die gleiche Richtung. Ich finde wenn die dortige laxe Handhabung der Patientensicherheit die Dritte Welt zu einem El Dorado für AM-Testung werden lässt, so ist es nur recht und billig, dass diese Länder auch von den mit ihren Menschen gemachten Entwicklungen angemessen partizipieren. Aber wie oben diskutiert, das liegt weniger in der Verantwortung der Pharmakonzerne sondern vielmehr der Staaten selbst, die entweder ihre Bürger schützen oder auf dem Weltmarkt als Versuchskaninchen feilbieten.